Auszug aus einer geheimen Rede des US-amerikanischen Verteidigungsministers
McNamara vor dem NATO-Ministertreffen in Athen, 05.05.1962


IV. Der taktische Einsatz von Atomwaffen

"Unsere starke nukleare Überlegenheit in einem allgemeinen Krieg löst nicht all unsere Probleme, die in der Abschreckung und Handhabung direkter Angriffe von nicht globalem Ausmaß entstehen. Wie steht es nun um die Möglichkeit, daß die NATO auf den lokalen oder taktischen Einsatz von Atomwaffen zurückgreifen kann? Die NATO hat Atomwaffen für den Einsatz auf dem Schlachtfeld zu einer Zeit eingeführt, als unsere Schildstreitkräfte schwach und die sowjetischen Atomreserven gering waren. Unter diesen Umständen war die Hoffnung berechtigt, daß die NATO einen sowjetischen Vormarsch in Westeuropa mit einem einseitigen Einsatz von Atomwaffen auf dem Schlachtfeld oder in dessen Umgebung sehr schnell zum Stehen bringen könnte. Auch zu Beginn der sechziger Jahre könnte ein taktischer Einsatz von Atomwaffen noch dazu beitragen, ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Daher werden wir auch weiterhin beträchtliche Atomstreitkräfte in Europa unterhalten (Gelöscht).

Doch inwieweit sollte sich die NATO von diesen Potentialen abhängig machen? Es dürfte uns gelingen, die Sowjets von einem Ersteinsatz ihrer Atomwaffen durch Abschreckung zurückzuhalten und (Gelöscht) einen lokalen sowjetischen Einsatz von Atomwaffen zu verhindern. Doch die NATO kann nicht mehr erwarten, daß sie einen nuklearen Vergeltungsschlag verhindern könne, falls sie mit dem Einsatz von Atomwaffen beginnt. Selbst ein lokaler atomarer Schlagabtausch könnte für Europa Folgen haben, die äußerst schmerzlich sind. Außerdem ist es unwahrscheinlich, daß wir mit einem solchen Schlagabtausch einen spürbaren militärischen Vorteil erringen würden. Er könnte sehr schnell zum totalen Atomkrieg führen.

Sicher könnte ein sehr begrenzter Einsatz von Atomwaffen, der in erster Linie dem Zweck dient, unsere Entschlossenheit und Absicht zu demonstrieren, solche Waffen einzusetzen, einem sowjetischen Angriff ein Ende bereiten, ohne daß es zu einem wesentlichen Vergeltungsschlag oder einer Eskalation kommt. Das ist eine vorletzte Möglichkeit, die wir nicht fallen lassen können. Doch die Aussicht auf Erfolg ist nicht groß, und ich wage nicht vorherzusagen, welche politischen Konsequenzen ein solches Vorgehen hätte. Es ist auch denkbar, daß ein begrenzter taktischer Einsatz von Atomwaffen auf dem Schlachtfeld nicht zu einer Ausweitung oder einer radikalen Änderung des Charakters einer konventionellen Kampfhandlung führen würde. Doch dieser Möglichkeit messen wir keine sehr hohe Wahrscheinlichkeit bei.

Es wäre schwierig, stark gestreute Atomwaffen in der Hand der Truppen zentral zu steuern. Auf beiden Seiten könnte es sehr gut zu Unfällen und unbefugten Handlungen kommen. Der Druck, unter den die Sowjets geraten, in gleicher Weise zu antworten; die hohe Flexibilität atomarer Systeme; die gewaltige Sprengkraft, die eine einzige Waffe besitzt; die Leichtigkeit und Genauigkeit, mit der sich diese Sprengkraft von nicht angegriffenen und daher unzerstörten Basen aus zünden läßt; die entscheidende Bedeutung einer Überlegenheit in der Luft bei Atomwaffeneinsätzen- all diese Erwägungen legen außerdem den Schluß nahe, daß ein lokaler Atomkrieg ein vorübergehendes, aber äußerst verheerendes Phänomen wäre.

Ich stelle fest, daß es eine Denkrichtung gibt, die die Auffassung vertritt, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion könnten versuchen, Europa als atomares Schlachtfeld zu benutzen, um so Angriffe auf ihr jeweiliges Heimatland zu vermeiden. Meine Regierung weist eine solche Sichtweise nicht nur entschieden zurück, wir halten sie auch für unrealistisch. Sie läßt die grundlegenden Tatsachen, die einen Atomkrieg kennzeichnen und die ich eben dargelegt habe, außer acht; sie betrachtet geographische Grenzen nicht in Verbindung mit den tatsächlichen Gegebenheiten der Zielstandorte und mit den verschiedenen Quellen, von denen ein Angriff erfolgen kann. Jeder wesentliche Atomwaffeneinsatz in Europa würde unvermeidlich sowohl Streitkräfte aus als auch Ziele in den Vereinigten Staaten und der UdSSR miteinbeziehen. Wie ich bereits erwähnt habe, ist es möglich, daß ein begrenzter, demonstrativer Einsatz von Atomwaffen sich räumlich beschränken ließe, und vielleicht lassen sich auch entferntere Atomwaffeneinsätze an weniger wichtigen Standorten außerhalb des NATO-Bereichs oder auf See begrenzen. Aber wahrscheinlich gibt es keine effektive Einsatzgrenze oder beiderseitige Beschränkungen, die einen großangelegten Atomkrieg auf die europäischen NATO-Partner und Satellitenstaaten einschränken könnten. Aufgrund unseres Verständnisses der Dynamik eines Atomkriegs sind wir der Ansicht, daß ein lokaler atomarer Schlagabtausch in Europa schwerwiegende Zerstörungen zur Folge hätte, militärisch ineffektiv wäre und sich wahrscheinlich sehr schnell in einem totalen Atomkrieg ausweiten würde."

Quelle: Bernd Greiner: Kuba-Krise, GRENO Nördlingen 1988, S. 230f.