Reagans "Sternenkriegsrede"
23. März 1983
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Die Verteidigungspolitik der Vereingten Staaten basiert auf einer einfachen Prämisse: Die Vereingten Staaten beginnen keinen Krieg. Wir werden niemals ein Aggressor sein. Wir halten unsere Stärke aufrecht, um vor einer Aggression abzuschrecken und uns gegen sie zu verteidigen - um die Freiheit und den Frieden zu erhalten.
Seit dem Anbruch des Atomzeitalters haben wir danach gestrebt, das Risiko eines Krieges zu verringern, indem wir eine starke Abschreckung aufrechterhalten und indem wir eine echte Rüstungskontrolle anstreben. "Abschreckung" bedeutet einfach: Sicherstellen, dass jeder Gegner, der an einen Angriff auf die Vereinigten Staaten oder unsere Verbündeten oder unsere lebenswichtigen Interessen denkt, zu dem Schluß kommt, dass die Risiken für ihn alle möglichen Gewinne überwiegen. Wenn er das begreift, dann wird er nicht angreifen. Wir erhalten den Frieden durch unsere Stärke; Schwäche lädt nur zur Aggression ein. Diese Strategie der Abschreckung hat sich nicht geändert. Es bedurfte einer ganz anderen Art von Streitkräften, um vor einem Angriff abzuschrecken, als wir noch sehr viel mehr Kernwaffen besaßen als irgendeine andere Atommacht. Es bedarf einer ganz anderen Streitmacht heute, da die Sowjets beispielsweise über genügend treffsichere und mächtige Kernwaffen verfügen, um praktisch alle unsere landgestützten Raketen zu vernichten. Damit soll nicht gesagt werden, dass die Sowjetunion einen Krieg gegen uns plant. Und ich glaube auch nicht, dass ein Krieg unausweichlich ist - ganz im Gegenteil. Aber was wir einsehen müssen, ist die Tatsache, dass unsere Sicherheit darauf basiert, dass wir vorbereitet sind, allen Bedrohungen zu begegnen.
Es gab eine Zeit, da wir uns auf Küstenbefestigungen und Geschützbatterien verließen, weil beim damaligen Stand der Bewaffnung jeder Angriff von See gekommen wäre. Wir leben heute in einer anderen Zeit, und unsere Verteidigung muß auf der Erkenntnis und dem Bewußtsein beruhen, wie im Atomzeitalter der Stand der Rüstungen anderer Länder ist. Wir können uns den Glauben nicht leisten, niemals bedroht zu werden. Allein in meinem Leben hat es zwei Weltkriege gegeben. Wir haben sie nicht angefangen, ja, wir taten alles, was wir nur konnten, um nicht in sie hineingezogen zu werden. Aber wir waren für beide schlecht vorbereitet - wären wir besser vorbereitet gewesen, hätte der Frieden vielleicht bewahrt werden können.
Seit 20 Jahren häuft die Sowjetunion eine gewaltige militärische Macht an. Und sie hörte damit auch dann nicht auf, als ihre Streitkräfte alle Anforderungen einer legitimen Verteidigungskapazität überstiegen. Und sie hat damit immer noch nicht aufgehört, auch jetzt noch nicht. Während der vergangenen anderthalb Jahrzehnte haben die Sowjets ein umfangreiches Arsenal neuer strategischer Kernwaffen aufgebaut - Waffen, die die USA direkt treffen können.
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Die jüngste Tatsache ist, dass die Sowjetunion etwas aufbaut, was man nur als offensive Militärmacht ansehen kann. Sie baut auch weiterhin weit mehr Interkontinentalraketen, als sie überhaupt zur Abschreckung eines Angriffs benötigt. Ihre konventionellen Streitkräfte sind nicht so sehr zur Abwehr eines Angriffs ausgebildet und ausgerüstet, als vielmehr dafür, plötzliche Überraschungsangriffe zu ermöglichen.
Unsere NATO-Verbündeten haben eine große Verteidigungslast auf sich genommen - einschließlich der Wehrpflicht in den meisten Ländern. Wir arbeiten mit ihnen und anderen Freunden überall auf der Welt dabei zusammen, noch mehr zu tun. Unsere Verteidigungsstrategie bedeutet, dass wir Streitkräfte brauchen, die sehr beweglich sind - Streitkräfte, die über die Ausbildung und die Einsatzbereitschaft verfügen, auf jeden Krisenfall zu reagieren. Jedes einzelne Objekt unseres Verteidigungsprogramms - unsere Schiffe, unsere Panzer, unsere Flugzeuge, unsere Mittel für Ausbildung und für Ersatzteile - ist für den einen wichtigen Zweck gedacht: den Frieden zu bewahren. Unglücklicherweise hat ein Jahrzehnt der Vernachlässigung unserer Streitkräfte unsere Fähigkeit, dies auch zu tun, in Frage gestellt.
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Es wird noch länger dauern, die Art von Ausrüstung zu schaffen, die wir brauchen, um den Frieden auch in der Zukunft zu bewahren, aber wir haben einen guten Anfang gemacht.
Wir haben 21 Jahre lang keinen neuen Langstreckenbomber mehr gebaut. Jetzt bauen wir die B-1. Wir haben seit 17 Jahren kein neues strategisches U-Boot vom Stapel gelassen. Jetzt bauen wir pro Jahr 1 Trident-U-Boot. Unsere landgestützten Raketen sind in zunehmendem Maße von den vielen, riesigen, neuen sowjetischen Interkontinentalraketen gefährdet. Wir sind dabei, herauszufinden, wie wir dieses Problem lösen. Gleichzeitig führen wir die START- und INF-Verhandlungen mit dem Ziel, umfangreiche Verringerungen bei den strategischen Arsenalen und den nuklearen Mittelstreckenraketen auf beiden Seiten zu erreichen.
Wir haben ebenfalls mit der seit langem erforderlichen Modernisierung unserer konventionellen Streitkräfte begonnen. Die Armee erhält ihren ersten neuen Panzer seit 20 Jahren. Auch die Luftstreitkräfte werden modernisiert. Wir bauen ferner unsere Flotte wieder auf, die von 1000 Schiffen Ende der 60er Jahre auf 453 Schiffe im Laufe der 70er Jahre geschrumpft war. Unser Land benötigt eine überlegene Marine, um unsere Streitkräfte und unsere lebenswichtigen Interessen in übersee unterstützen zu können. Wir sind jetzt dabei, eine Flotte von 600 Schiffen zu schaffen und die amphibische Kapazität unserer Marineinfanteristen zu verstärken, die im Augenblick für die Sache des Friedens in Libanon Dienst tun. Und wir bauen eine reale Kapazität zur Unterstützung unserer Freunde in dem überaus wichtigen Bereich des Indischen Ozeans und des Persischen Golfs auf. Dies alles ist eine größere Anstrengung, und sie ist nicht billig. Sie kommt zu einer Zeit, da unser Haushalt unter manch anderem Druck steht und das amerikanische Volk während der Rezession bereits große Opfer bringen mußte. Aber wir dürfen uns nicht durch jene in die Irre führen lassen, die die Verteidigung wieder einmal zum Sündenbock des Bundeshaushalts machen möchten.
Tatsache ist, dass wir in den letzten Jahrzehnten eine dramatische Verlagerung in den Ausgaben der US-Steuerzahler erlebt haben. Noch 1955 betrugen die Zahlungen an Individuen etwa 20% des Bundeshaushaltes. Im Verlaufe von nahezu 3 Jahrzehnten stiegen diese Ausgaben ständig, und in diesem Jahr werden sie sich auf 49% des Haushalts belaufen. Demgegenüber nahm die Verteidigung im Jahre 1955 mehr als die Hälfte des Bundeshaushaltes ein. 1980 waren diese Ausgaben auf 23% gesunken. Selbst mit der Erhöhung, um die ich in diesem Jahr ersuche, wird Verteidigung nur 28% des Haushaltes ausmachen. Die Forderungen nach einer Verminderung des Verteidigungshaushaltes sehen rein zahlenmäßig ganz gut aus. Solche schönen Reden haben die Demokraten in den 30er Jahren veranlaßt, die Verteidigung zu vernachlässigen, und haben den Weg für die Tragödie des II. Weltkrieges geebnet. Wir dürfen es nicht zulassen, dass sich durch Apathie oder Vernachlässigung dieses düstere Kapitel der Geschichte wiederholt.
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Bisher habe ich Ihnen heute abend meine Gedanken über die Probleme der nationalen Sicherheit dargelegt, denen wir uns gemeinsam stellen müssen. Meine Vorgänger im Weißen Haus sind bei anderen Gelegenheiten vor Ihnen erschienen, um Ihnen die von der sowjetischen Macht ausgehende Bedrohung aufzuzeigen, und haben Maßnahmen vorgeschlagen, um dieser Bedrohung zu begegnen. Aber seit der Existenz von Kernwaffen richteten sich die Maßnahmen in immer stärkerem Maße auf die Abschreckung vor einer Aggression durch die Ankündigung der Vergeltung.
Diese Methode, Stabilität durch Offensivandrohung zu erreichen, hat funktioniert. Uns und unseren Verbündeten ist es gelungen, über 3 Jahrzehnte hinweg einen Atomkrieg zu verhindern. In den letzten Monaten jedoch haben meine Berater, insbesondere auch die Vereinigten Stabschefs die Notwendigkeit unterstrichen, aus einer Zukunft auszubrechen, die sich im Hinblick auf unsere Sicherheit ausschließlich auf offensive Vergeltung stützt.
Im Verlauf dieser Diskussionen wurde ich immer fester davon überzeugt, dass der menschliche Geist in der Lage sein müsse, sich darüber zu erheben, mit anderen Nationen und Menschen derart umzugehen, dass man ihre Existenz bedroht. Aus diesem Gefühl heraus bin ich zu der überzeugung gelangt, dass wir jede Möglichkeit zum Abbau der Spannungen und zur Einführung einer größeren Stabilität im strategischen Kalkül beider Seiten gründlich prüfen müssen.
Einer der wichtigsten Beiträge, die wir leisten können, ist natürlich eine Senkung des Standes aller Rüstungen, vor allem der Nuklearrüstungen. Wir führen derzeit eine Reihe von Verhandlungen mit der Sowjetunion, um eine beiderseitige Verringerung der Waffen zu erreichen. Ich werde Ihnen morgen in einer Woche über meine Überlegungen in dieser Hinsicht berichten.
Wenn sich die Sowjetunion unseren Bemühungen anschließen wird, große Rüstungsverminderungen herbeizuführen, dann wird es uns gelungen sein, das nukleare Gleichgewicht zu stabilisieren. Trotzdem wird es weiterhin notwendig sein, sich auf das Schreckgespenst der Abschreckung zu verlassen - auf die gegenseitige Bedrohung, und das ist ein schlimmer Kommentar zum Zustand des Menschen.
Wäre es nicht besser, Menschenleben zu retten, als sie zu rächen? Sind wir nicht in der Lage, unsere friedlichen Absichten zu demonstrieren, indem wir all unsere Fähigkeiten und unseren Einfallsreichtum einsetzen, um eine wirklich dauerhafte Stabilität zu erreichen? Ich glaube wir können es, ja wir müssen es!
Nach sorgfältiger Konsultation mit meinen Beratern, einschließlich der Vereinigten Stabschefs, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es einen Weg gibt. Teilen Sie mit mir eine Vision der Zukunft, die Hoffnung bietet. Sie besteht darin, dass wir ein Programm in die Wege leiten, um der schrecklichen sowjetischen Raketenbedrohung mit Maßnahmen zu begegnen, die defensiv sind. Wollen wir uns auf eben die Stärken unserer Technologie besinnen, die unsere große industrielle Basis hervorgebracht und uns die Lebensqualität geschenkt hat, der wir uns heute erfreuen.
Wie wäre es, wenn freie Menschen sicher leben könnten in dem Wissen, dass ihre Sicherheit nicht auf der amerikanischen Drohung einer sofortigen Vergeltung beruht, um vor einem sowjetischen Angriff abzuschrecken; dass wir strategische Raketen abfangen und vernichten können, bevor sie unseren Boden oder den unserer Verbündeten erreichen?
Ich weiß, dass das eine gewaltige technische Aufgabe ist - eine Aufgabe, die nicht vor Ende dieses Jahrhunderts bewältigt sein dürfte. Und doch hat die derzeitige Technologie einen Stand der Verfeinerung erreicht, dass es durchaus vernünftig ist, wenn wir uns an diese Aufgabe machen. Es wird jahrelanger, vielleicht jahrzehntelanger Anstrengungen auf vielen Gebieten bedürfen. Es wird Fehlschläge und Rückschläge geben, aber es wird auch Erfolge und Durchbrüche geben. Und während wir an diesen Dingen arbeiten, müssen wir in der Erhaltung der nuklearen Abschreckung und der Aufrechterhaltung einer soliden Fähigkeit für die flexible Reaktion konstant bleiben. Aber ist das nicht alle die Investitionen wert, die die freie Welt wegen der Drohung eines Atomkrieges machen muß? Wir wissen, dass es das wert ist.
In der Zwischenzeit werden wir weiterhin wirkliche Verringerungen der Kernwaffen anstreben, indem wir aus einer Position der Stärke heraus verhandeln, die nur durch eine Modernisierung unserer strategischen Streitkräfte gehalten werden kann. Gleichzeitig müssen wir Schritte unternehmen, um das Risiko eines konventionellen militärischen Konflikts zu verringern, der zu einem Nuklearkrieg eskalieren könnte, indem wir unsere nichtnuklearen Kapazitäten stärken.
Amerika besitzt - heute - die Technologien, um ganz bedeutsame Verbesserungen der Wirksamkeit unserer konventionellen, nichtnuklearen Streitkräfte zu erreichen. Wenn wir diese neuen Technologien kühn nutzen, können wir einen etwaigen Anreiz, den die Sowjetunion haben könnte, mit einem Angriff auf die Vereingten Staaten und ihre Verbündeten zu drohen, wesentlich verringern.
Wenn wir unser Ziel der Defensivtechnologien verfolgen, dann sind wir uns darüber im klaren, dass unsere Verbündeten sich auf unsere strategische Offensivmacht stützen, um vor einem Angriff gegen sie abzuschrecken. Ihre lebenswichtigen Interessen und die unsrigen sind unauflöslich miteinander verbunden. Ihre Sicherheit und die unsere sind eins. Und kein Wandel in der Technologie wird diese Tatsache ändern. Wir müssen und werden unsere Verpflichtungen weiterhin erfüllen.
Ich bin mir völlig darüber im klaren, dass Verteidigungssysteme Grenzen haben und bestimmte Probleme und Unsicherheiten aufwerfen. Wenn sie mit Offensivwaffen gepaart werden, dann könnten sie als Nährboden einer aggressiven Politik betrachtet werden, und das will niemand. Aber unter genauer Berücksichtigung all dieser Überlegungen rufe ich die Gemeinschaft der Wissenschaftler, die uns die Kernwaffen gegeben haben, auf, ihre großen Talente der Sache der Menschheit und des Weltfriedens zu widmen, uns die Mittel in die Hand zu geben, um diese Kernwaffen unwirksam und überflüssig zu machen.
Heute abend unternehme ich - in Übereinstimmung mit unseren Verpflichtungen des ABM-Vertrages und eingedenk der Notwendigkeit enger Konsultationen mit unseren Verbündeten - einen ersten wichtigen Schritt. Ich gebe die Anweisung zu einer umfassenden und intensiven Anstrengung, ein langfristiges Forschungs- und Entwicklungsprogramm auszuarbeiten, um unserem Endziel näher zu kommen, die Bedrohung durch strategische Nuklearraketen zu beseitigen. Das würde den Weg für Rüstungskontrollmaßnahmen zur Beseitigung der Waffen selbst ebnen. Wir erstreben weder militärische Überlegenheit noch politische Vorteile. Unser einziges Ziel - das alle Menschen teilen - ist das Streben Mitteln und Wegen, um die Gefahr eines Atomkrieges zu verringern. ..."